Fragmente

Und plötzlich gibt dir das Leben einen Dreh, bei dem dein objektiv falscher Schwerpunkt, sich zu der fantastischsten Energie verwandelt. Und während du dich gen Himmel schraubst, und jedes andere menschliche Wesen hinter dir lässt, stellst du fest, dass diese Welt dir gehört.

Das Web hat mir den Tod gebracht

Drehstuhl 1 Foto: Pola Stern

Drehstuhl 1 Foto: Pola Stern

Beitrag zur Blogparade #webseidank

Gerade hatte ich einen Text zur Blogparade geschrieben, in der es darum geht, was das Web mir menschlich Gutes gebracht hat. Ich arbeite in einem Krematorium, toure mit einer Lesung zum Tod, ich blogge Die letzte Kolumne und bin Chefredakteurin der drunter&drüber – Ein Magazin für Endlichkeitskultur. Ich rede und schreibe den ganzen Tag über den Tod. Dementsprechend war auch meine erste Version dieses Beitrags. Nun habe ich von Annette Schwindt erfahren, dass Johannes Korten, eine der Inspirationen zu dieser Blogparade, nicht mehr lebt. Er wollte das Netz zu einem besseren Netz machen und hat das wahrscheinlich schon deshaalb geschaffft, weil wir Paradler darüber nachdenken, was bzw. wen uns das Netz geschenkt hat. Alles Gute, Johannes Korten, ich hoffe, es geht dir gut da, wo du bist.

Geht´s Dir gut, da wo Du bist – Ein Song der Meystersinger Luci van Org und Roman Shamov, die ich mal nur offline getroffen habe, mit denen ich mich aber online befreundet habe. Seitdem treffen wir uns immer wieder auf gemeinsamen Veranstaltungen. Oftmals Charity-Veranstaltungen für verwaiste Eltern und trauernde Geschwister.

Im Web finde ich immer wieder Menschen, die sich mit dem Tod auseinandersetzen, weil sie direkt betroffen sind oder weil sie, wie ich, die Welt zu einem besseren Ort machen wollen. Denn wer sich mit dem Tod beschäftigt, der wird konkreter in seinem Sein, trifft Entscheidungen – ja, lebt einfach mehr. Da gibt es Mechthild Schroeter-Ruhpieper, mit der ich mir seit mehr als vier Jahren auf Facebook schreibe. Wir tauschen uns aus und machen inzwischen auch offline Projekte für trauernde Geschwister. Oder Eric Wrede, einen alternativen Berliner Bestatter, mit dem ich mir immer wieder Mails schreibe, um ein größeres Netzwerk zu bilden. Ein Netzwerk von jungen „todesmutigen“ Menschen. Im nächsten Jahr wird er zweimal bei mir in Halle sein und wir werden in der Öffentlichkeit über den Tod sprechen. Bei meinen Recherchen für die drunter&drüber, finde ich immer wieder superspannende Menschen, die ohne das web niemals kennen gelernt hätte. Erik Niedling zum Beispiel, der ein Jahr lang lebte, als wäre es sein letztes. Inzwischen in ich einen klitzekleinen Teil seines Weges nachgegangen. Und Michael Holtschulte, der mit seinen tot aber lustig – Comics die Menschen im Netz zum Lachen bringt. Endlich haben auch wir zusammen gefunden – einfach nur, weil wir begonnen haben, uns auf Facebook Nachrichten zu schicken. Diese kurzen Wege wären ohne Web nicht möglich. Die Verbindungen zwischen Menschen in aller Welt machen das Netz allein schon besser.

In all diesen Auseinandersetzung mit diesen tollen Menschen habe ich so viel über mich selbst und über den Sinn meines Lebens gelernt, dass ich heute verstanden habe, wozu wir da sind: Zum Leben, zum Lieben und zum Gestalten. Wir können alles verändern und ich denke, Veränderung ist nötig.

Der Tod ist mein Thema und das Web hat mir ermöglicht, andere Menschen zu finden, die sich diesem Thema so sehr verschrieben haben. Ja, das Netz hat mir den Tod gebracht. Und dies ist für mich ein Geschenk, denn ich kann über das sicherste Erlebnis der Menschen sprechen und etwas dafür tun, dass wir diesen Abschnitt unseres Lebens gestalten können und dass wir lernen, damit zu leben. Und wer keine Angst vor diesem Thema hat, der kann auch besser die unterstützen, die sterben oder trauern.

Mache ich mit meinen Texten das Netz besser? Ja, vielleich. Denn Gedanken an den Tod machen den Menschen wieder zu dem, was er ist: Einer unter Gleichen.

Kaiserkopf

Mein Kopf hat große Pläne,
mein Herz schlägt im richtigen Takt.
Die Welt legt sich mir zu Füßen,
zieht sich aus und zeigt sich nackt.

Und ich erkenne leider
nur, was ich sehen will,
des Kaiser´s neue Kleider,
wirken in mir, still.

Wo ist das wahre Leben?
Wo ist das hellste Licht?
Ich kann mir nicht vergeben,
bleib´ blind und seh´ es nicht.

Ich wünscht, ich könnt mich ziehen,
heraus, am eignen Schopf,
doch ach, ich kann nur fliehen,
vor meinem eig´nen Kopf.

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