Von ganz von vorn

Warum die FDP? Wie kann man bei der globalen Schräglage genau in diese Partei eintreten, die doch den Neoliberalismus so voran getrieben hat.

Solche Fragen werden mir gestellt, solche Fragen stelle ich mir selbst.

Ich hoffe, dass ich mir diese Fragen immer wieder stellen werde, denn der Eintritt in einer Partei ist kein Glaubensbekenntnis, sondern eine Entscheidung, die ich immer wieder neu treffen und an der Realität messen muss.

Aus diesem Grund ist die wichtigste Eigenschaft, die ich für dieses Projekt benötige, die Fähigkeit, mich selbst zu reflektieren und zu wissen, was ich warum tue. Ich will mich nicht mitreißen lassen, ich will verstehen. Deshalb fange ich ganz vorn an und denke darüber nach, wie ich persönlich dieses Land gern haben möchte. Nur diese subjektive Herangehensweise befähigt mich zu einer fundierten Meinung. Wenn jeder sein eigenes Weltbild gebaut hat und vertritt, sollte man in einer Demokratie einen ganz guten Durchschnitt haben. Ich glaube, darum ging es ja auch mal.

Warum also FDP? Ein möglicher Punkt ist folgende Idee: Ich habe meine Kindheit zu einem nicht unerheblichen Teil im Dorf meiner Großeltern verbracht. Dort war immer einiges los. Es gab es einen Konsum, Gasthäuser, kleine Läden, sogar einen Schreibwarenladen, in dem ich mich ständig rumtrieb. Außerdem fand jedes Jahr ein großes Volksfest statt. Heute gibt es fast nichts mehr, alles ausgestorben. Wenn ich dort bin, sehe ich selten Menschen auf der Straße, ein kleiner Laden versorgt die Menschen vor Ort. Das Dorf lebt nicht mehr. Es ist wie ein großes Bett, in das man sich nur noch zum Schlafen legt. Ich hatte dann die Idee, eine Geschichte zu schreiben, eine Geschichte, in der jemand von außen kommt und wieder Schwung in die Sache bringt. Der Ansatz war, dass die Gemeinschaft sich selbst befähigt, wieder etwas aufzubauen; dass sie nicht länger darauf wartet, dass der Staat irgendwas tut. Raus aus der Passivität.

Es ist dieses „Selbst-Machen“, das ich als Grundbedingung für Freiheit verstehe, die Unabhängigkeit von anderen. Denn im Moment höre ich viel von der Unfähigkeit des Staates, der dies und jenes nicht zur Zufriedenheit der Beschwerder tut. Wie quengelnde Kinder, die etwas zu Trinken haben wollen, aber sich nicht selbst zum Kühlschrank bewegen möchten (ich weiß, wovon ich spreche). Was ist aus der Buchidee geworden? Nichts! Ich kann und will keine Romane schreiben. Die Idee aber bleibt, das Gefühl auch.

Es braucht frischen Wind in den alten Strukturen. Es braucht Aufbruch, um Verkrustetes zu lösen und eine neue Kultur des Eigenständigen zu beleben, vor allem hier im Osten. Aus den Abwartenden könnten Anpackende werden. Das ist meine Vision. Ziemlich idealistisch, ich weiß. Aber der Weg ist ja auch noch nicht gegangen.

Das ist erstmal eine grundsätzliche liberale Idee: Das unabhängige Individuum – das ist mein Ideal. Mir ist durchaus klar, dass die heutige Form des Kapitalismus, der ausbeutet, der an vielen Stellen auf Quantität statt Qualität setzt, nicht funktionieren kann. Ich werde also überlegen müssen, wie ich das regeln würde. Da ich nicht alle Weltzusammenhänge kenne, ja, wahrscheinlich nicht einmal erahnen kann, werde ich bei meinem Modelldorf bleiben. Im Kleinen denken und sich dann nach vorn wagen. Es ist ein Experiment, es ist bewusst naiv. Aber anders geht es nicht, es muss frei von Hemnissen sein, sonst wird es nichts mit Freiheit zu tun habe.

 


 

Was ich gerade lese (Links führen auf eine lokale Buchhandlung, die kostenfrei nach Hause versendet)

  • Wie wir wurden, was wir sind: Einführung in den klassischen Liberalismus (2017): „Und wenn wir es zulassen, dass der Staat mit Nahrung, Unterkunft, Kleidung, Erziehung und Gesundheitsfürsorge für den Notfall vorsorgt, ist es nicht so leicht, die Grenze zu ziehen zwischen dem, was für einige wenige tatsächlich notwendig sein mag, und dem, was für viele eine Bequemlichkeit sein könnte.“
  • Psychopolitik: Neoliberalismus und die neuen Machttechniken (2014): „Der Neoliberalismus macht aus dem Bürger einen Konsumenten. Die Freiheit des Bürgers weicht der Passivität des Konsumenten. Der Wähler als Konsument hat heute kein wirkliches Interesse an der Politik, an der aktiven Gestaltung der Gemeinschaft. Er ist weder gewillt noch fähig zum gemeinsamen politischen Handeln. Er reagiert nur passiv auf die Politik, in dem er nörgelt, sich beschwert, genauso wie der Konsument gegenüber den Waren oder Dienstleistungen, die ihm nicht gefallen. Auch die Politiker und Parteien folgen dieser Logik des Konsums. Sie haben zu ‚liefern‘. Damit verkommen sie selbst zum Lieferanten, der die Wähler als Konsumenten oder Kunden zufrieden zu stellen hat.“ (Han, 2014)

FDP_Laut Denken